micro currents | Festival für aktuelle Tiefkultur 2020

Projekte

In diesem Jahr wirft currents einen mikroskopischen Blick auf die Stimme in der experimentellen Musik und gibt einen Einblick in die Vielfalt einer lokalen und international vernetzten Szene. Performance, Sprachsynthese, Spoken Word, Elektronik, Philosophie und Improvisation schwanken zwischen Zerstörung und Schönheit im Luftstrom aktueller Tiefkultur. Anstelle eines Festivals im Sonnenschein gehen wir als micro currents in den dunklen Konzertsaal, drehen den Subwoofer auf und bauen eine Landschaft aus Elektronik und Licht, Found Objects und Plexiglas. Mit einer geballten Ladung brennender Diskurse, Emotionen und Klangwelten, die weder Kopfhörer noch Videos wiedergeben können, verabreichen wir euch all das, was ihr die letzten Monate missen musstet.

In 90 Minuten durchlaufen wir sechs aktuelle künstlerische Positionen und Kollaborationen, die sich – ganz in der Tradition von currents – jeglicher Einordnung entziehen. Was sie verbindet ist der Einsatz der menschlichen Stimme als politischer Klangkörper und fluider Bedeutungsträger auf der Suche nach unkonventioneller künstlerischer Aussage.

Trotz Abstandsregelungen, Sitzplatzvergabe und Umarmungsverbot: wir zelebrieren Tiefkultur

22/11 2020
15:00 Uhr / 19:00 Uhr
Alte Feuerwache Halle
Eintritt 5 €
Karten nur im VVK über https://littleticket.shop/currents/

LINE UP

Soheil Shayesteh und Lorenz Rommelspacher | dialogues

In dialogues stellen Soheil Shayesteh und Lorenz Rommelspacher eine Person dar, die vom Krieg traumatisiert die Verbindung zur Außenwelt und zu sich selbst verloren hat. Die Darstellung fußt auf Erfahrungen an der Kriegsfront während des Militärdienstes und befasst sich mit dem geistigen Gefängnis, das errichtet wird, um die erlebte Realität bewältigen zu können. Eingeschlossen von Klang und Licht wird das Publikum für einen Moment in die Gedankenwelt des Protagonisten hineingezogen.

Foto: Carmen Böttcher

Lorenz Rommelspacher ist Performer und intermedialer Künstler, der sich, nach der Abkehr vom klassischen Gesang, zwischen Installation, audiovisuellen Medien und Performance wiedergefunden hat. Aus der Überzeugung, dass Kunst jedem offenstehen sollte, verwendet er Klang, Licht und visuelle Medien, um immersive Aufführungen zu gestalten, die viel mehr erlebt als bloß konsumiert werden soll.

 

 

Foto: Rashin Teimouri

Soheil Shayesteh spielt Kamantsche, Violine und ist Elektronik-Musiker. Er forscht an den Schnittstellen von zeitgenössischer und persischer Musik, von experimenteller und interaktiver Elektronik, bildender Kunst und Improvisation. Er nutzt Veränderungen in Klang und Bewegung, um visuelle Formen zu generieren und kontrollieren und so mithilfe von audiovisuellen Instrumenten Musik jenseits einer linearen Zeitachse zu erschaffen.

Andranik Fatalyan 

Für micro currents hat Fatalyan Verse von Gregor von Narek (951-1003) zusammengestellt, dem großen Schriftsteller und Mystiker der frühen armenischen Renaissance. Dessen spirituelle Tagh-Lyrik stellt die individuelle Erfahrungswelt ins Zentrum mystischer Allegorien und verbindet den Menschen mit dem Universum.

Foto: Leyli Sahin

Sänger und Komponist Andranik Fatalyan findet Inspiration in der Auseinandersetzung mit musikalischen Traditionen. Ein in weiter Vergangenheit entstandenes Kunstwerk ist in der Wirkung genauso modern und aktuell, wenn es im Hier und Jetzt seine beeindruckende Kraft auf uns entfaltet. Solche Verbindungen von Vergangenheit und Gegenwart finden sich in Fatalyans Repertoire, das mittelalterliche bis zeitgenössische Musik umfasst, als auch in seinen Kompositionen.

Elsa M’bala alias A.M.E.T.

In ihren aktuellen Soloperformances erforscht Elsa M’bala grafische Partituren und alternative Klangnotationen. Videoanimationen und grafische Partituren ermöglichen ihr, immer neue Interpretationen und Perspektiven einzunehmen und ein erweitertes Verständnis für Klang zu entwickeln.

Foto: Elsa Kostic

Elsa M’bala gehört zu den wenigen weiblichen Klangkünstlerinnen afrikanischer Abstammung. Sie nutzt Technologie als Werkzeug des Empowerment und erforscht mit ihren Beobachtungen die Beziehungen von Race, Gender, Technologie und Spiritualität. Gerade in Zeiten von Ausgrenzung durch Polizeigewalt und Rassismus in Europa und in den USA zeigt uns Elsa M’bala, dass marginalisierte Körper und Stimmen durch geteilte Gemeinschaft (wieder) verbunden werden können.

Friedemann Dupelius | The Voice of Wednesday Dupont

In The Voice of Wednesday Dupont stimmt die KI-Stimme, die auf der echten Stimme von Friedemann Dupelius basiert, ein Duett mit ihrem Urheber an, der ihr einst Leben eingehaucht hat. Sie rezitieren die Smartphone-Poesie des Twitter-Accounts von Wednesday Dupont, live modifiziert und eingebettet in eine Begleitung aus digital erzeugten und gesampelten Klängen zum Thema „Stimme“.

Foto: Friedemann Dupelius

Friedemann Dupelius arbeitet mit Sound und Sprache. Als Friday Dunard produziert er genrefluide elektronische Musik, die er veröffentlicht, live performt oder zu DJ-Sets vermengt. Unter dem Alias Wednesday Dupont entstehen Hörspiele, Hörstücke, sonische Forschungen, digitale und akustische Texte für Radio, Festivals und Internet. Darüber hinaus ist er als Journalist und Radiomacher, sowie beim Label SPA und der Klangkunstreihe Brückenmusik tätig.

KrapHük | Noisy Hyperventilation

Kontrolle ist der bestimmende Faktor in der Arbeit von Elisa Kühnl und Jiyun Park. Elisa Kühnl hat ihre Gesangspraxis daraufhin entworfen, übliche Regeln des Singens zu hinterfragen, in die spontanen Regionen von Klang und Geräusch zu stoßen und selbst die seltsamen und schrillen Momente der menschlichen Stimme zu kontrollieren. Jiyun Park baut eigene Instrumente mit der Intention, innere Rückkopplungen zu erzeugen und wählt Form und Material gezielt nach den Prinzipien des Feedback aus. Von diesen beiden Positionen aus haben sich die Musikerinnen zusammen-geschlossen, um ihre eigene Kontrolle an die jeweils andere Person zu übergeben.

Foto: Marcus Ziliz

Elisa Kühnl ist Teil des Musikkollektivs Nasssau, Autorin des Fanzines Grapefruits, Gründerin des Experimentalchores γλώσσα und Solokünstlerin mit ihrem Instrument, der Stimme. Ihr expressiver Ausdruck spiegelt sich in puristischen Darbietungen, deren Klangerfahrung einer elektronischen Ästhetik ähnelt, die sich ausschließlich in modulierenden Spielweisen entfaltet.

 

 

Foto: S. Ruppiger

Jiyun Park ist Medienkünstlerin, die sinnliche und synästhetische Zustände erforscht, indem sie mit Materialien experimentiert und sie auf ihre versteckten und innewohnenden Klänge untersucht. Ihre Arbeiten sind beeinflusst vom Übertreten der Schwellen von Raum und Zeit in ihrer Umgebung. In multidisziplinären Kooperationen beschäftigt sie sich mit der Kommunikation durch Daten und mit menschlich-klanglichen Interaktionen.

Thea Soti

In ihrem Soloprogramm untersucht Thea Soti die Grenzen von Gender, Sprache, Erinnerung und sozialer Entfremdung, indem sie die menschliche Stimme in einen digitalen Kontext stellt. Durch kontinuierliche Manipulation, Recycling und Bearbeitung ihrer eigenen Stimme, in Neuinterpretationen von Volksliedern und Improvisationen in unbekannten Sprachen hinterfragt sie die gegenwärtige Bedeutung binärer Geschlechterrollen, eines geografisch bestimmten kulturellen Erbes und tradierter sozialer Codes. In unserer technologisierten Welt, in der die Realität sich auf Maschinen und virtuelle Entitäten verlagert, erkundet sie das Erbe der menschlichen Stimme: Wie weit kann sie noch menschlichen Ausdruck übertragen und wie kollidiert sie mit posthumanen Identitäten?

Foto: Taya Chernoyshova

Thea Soti ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die in den Bereichen der experimentellen Klangkunst, Video, Performance, Installation und textbasierten Medien arbeitet. Sie verbindet Improvisation, elektro-akustische Komposition und performativ-installative Aufbauten. In ihrer Arbeit spricht sie aktuelle gesellschaftliche Themen an, etwa einen modernen Eskapismus, nicht-binäre Identitäten, Schönheitsmythen oder kollektive Angst. Dabei erkundet sie die Grenzen von Sprache, Geräusch, elektronischen Klängen und Avant-Garde Poesie.

Foto: Sophia Schach

Sophia Schach | Bühnenbild
Sophia Schach arbeitet, außer als Hutmacherin und Blumenkurierin, vor allem als Designerin und Künstlerin und arbeitet auf der Schnittmenge von Grafik- und Textildesign, Fotografie sowie Kostüm- und Bühnenbild.

Technische Planung und Ton: Aram Khlief
Bühnenmeister: Roman Sroka
Grafik: Sophia Schach
Konzeption und Projektleitung: Helene Heuser

micro-currents/ ist eine Veranstaltung von ON – Neue Musik Köln, gefördert durch die Stadt Köln und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.