Neue Geschäftsführung | Interview mit Anna Kampe

Seit dem 1. Juli hat ON Cologne eine neue Geschäftsführung: die Kulturmanagerin und Kunstwissenschaftlerin Anna Kampe. Mehr über ihren Hintergrund sowie ihre Perspektive auf ON erfahrt ihr im Kurzinterview.


Du hast Kunstgeschichte studiert und lange im Umfeld der darstellenden Künste gearbeitet. Ist deine neue Tätigkeit in der freien Musikszene der neuen und experimentellen Musik eine Fortführung oder ein Neuanfang – oder vielleicht sogar beides?

Anna Kampe
Für mich ist es tatsächlich beides – Fortführung und Neuanfang.
Natürlich ist die neue und experimentelle Musik für mich zunächst eine neue Sparte. Gleichzeitig fühlt sich der Schritt zu ON aber sehr konsequent an, weil sich viele Themen durch meinen bisherigen beruflichen Weg ziehen.
Ich komme ursprünglich aus der Kunstgeschichte und habe mich dort schon sehr stark mit Fragen der Kunst- und Kulturvermittlung beschäftigt. Später habe ich viele Jahre in der freien Kunst- und Kulturszene gearbeitet, insbesondere im Bereich Tanz und Performance. Dabei ging es für mich zunehmend nicht mehr nur um einzelne künstlerische Inhalte, sondern auch um die Strukturen, die Kunst überhaupt ermöglichen: Fördermittel, Projektentwicklung, Kommunikation, Netzwerke und die Zusammenarbeit mit Künstler:innen und Institutionen
Gerade in der freien Szene sehe ich deshalb sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen den Sparten. Die Arbeitsbedingungen, aber auch die Herausforderungen ähneln sich: Wie finanziere ich meine Arbeit? Wie werde ich sichtbar? Wie erreiche ich Publikum? Wie finde ich Kooperationspartner:innen? Und wie können Künstler:innen langfristig gute Arbeitsbedingungen vorfinden?
Was mich an ON besonders gereizt hat, ist, dass ON genau an dieser Schnittstelle arbeitet. Es geht nicht ausschließlich darum, eigene Veranstaltungen zu produzieren, sondern darum, eine Szene zu unterstützen, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen und Strukturen zu schaffen, in denen künstlerische Arbeit möglich wird.
Insofern wechsle ich zwar die künstlerische Sparte, aber nicht das Feld, das mich eigentlich interessiert: die Frage, wie wir freie Kunst und Kultur ermöglichen, vermitteln und langfristig stärken können.


Welche Schwerpunkte möchtest du als Geschäftsführerin bei ON Cologne setzen?

Anna Kampe
Ein zentraler Schwerpunkt ist für mich zunächst, ON als verlässliche Anlaufstelle für die freie Szene weiter zu stärken. Ich möchte sehr genau zuhören: Was brauchen die Akteur:innen? Wo funktionieren bestehende Angebote gut und wo gibt es strukturelle Lücken?
Ein zweiter Schwerpunkt ist für mich die Vernetzung. Gerade freie Künstler:innen und kleinere Strukturen haben häufig nicht die Ressourcen, dauerhaft Netzwerkarbeit, Interessenvertretung oder Sichtbarkeit zu betreiben. Hier kann ON eine wichtige verbindende Funktion übernehmen – innerhalb Kölns, aber auch überregional.
Wichtig ist mir außerdem, die Sichtbarkeit der Szene weiterzuentwickeln. Dabei interessiert mich nicht nur klassische Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch die Frage, wie wir Menschen erreichen können, die bisher vielleicht noch wenige Berührungspunkte mit neuer und experimenteller Musik haben. Mein Hintergrund in der Kunstvermittlung spielt dabei sicherlich eine Rolle: Vermittlung bedeutet für mich nicht, Kunst zu vereinfachen, sondern Zugänge und Begegnungen zu ermöglichen.
Und schließlich gehört für mich zu einer starken freien Szene auch eine stabile Organisation im Hintergrund.
Ich sehe die Geschäftsführung deshalb sowohl nach innen als auch nach außen: als strukturierende, vernetzende und vermittelnde Position.


Wann hat dich Musik zuletzt überrascht?

Anna Kampe
Eigentlich überrascht mich Musik gerade ziemlich häufig – wahrscheinlich gerade deshalb, weil ich mich momentan viel intensiver mit neuer und experimenteller Musik beschäftige als früher.
Was mich dabei besonders interessiert, ist der Moment, in dem meine eigene Vorstellung davon, was Musik eigentlich ist oder sein kann, ins Wanken gerät. Ich komme aus der bildenden und der darstellenden Kunst und bin deshalb sehr an Wahrnehmung, Raum und Vermittlung interessiert. In der experimentellen Musik begegnen mir plötzlich viele Fragen wieder, die ich aus diesen Bereichen kenne: Was ist Werk, was ist Aufführung? Welche Rolle spielt der Raum? Wie verändert sich meine Wahrnehmung? Und wann wird aus einem Geräusch Musik?
Vielleicht ist genau das im Moment die größte Überraschung für mich: festzustellen, dass die neue Musik für mich gar nicht so weit von den künstlerischen Feldern entfernt ist, aus denen ich komme. Im Gegenteil – an vielen Stellen treffen sich genau die Fragen, die mich schon lange interessieren.


Über Anna Kampe:
Anna Kampe ist Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Über viele Jahre war sie in verschiedenen Funktionen im Kulturbereich tätig – unter anderem als Projektmanagerin im Bereich der freien darstellenden Künste. 
Dabei arbeitete sie an mehreren Produktionen der Tanzkompanie BO KOMPLEX, für verschiedene Produktionen des Jubiläumsprogramms BTHVN2020 sowie als Assistenz der Geschäftsführung im Künstlerforum Bonn